Die Multihalle – Ein Gespräch mit dem Fotografen Horst Hamann

Tatjana Dürr, Sally Below

SB       Herr Hamann, Sie sind in Mannheim geboren und aufgewachsen, lebten lange in New York  – kommen aber immer wieder zurück. 1986 haben Sie das Buch „Mannheim – Einblicke in eine Stadt“ herausgegeben und 2007 ein weiteres Mannheim-Buch. Was hat sich in der Zeit dazwischen und bis heute für Sie verändert – oder was ist gleich geblieben?

HH      Für das erste Buch habe ich zwei Jahre lang die Stadt erlaufen. Ich habe damals auch schon die Multihalle fotografiert und die Kultur, Museen, Sportereignisse – diese Vielfalt meiner Heimatstadt – entdeckt. Dann kam die vertikale „Impfung“ über New York, diese andere Sichtweise, meine neue Art zu fotografieren, und dann habe ich die Stadt nochmal mit diesem Blick untersucht.
Was geblieben ist, ist die große Achse und das Gefühl, in den Mannheimer Schoß zurückzukommen: der Wasserturm, Friedrichsplatz, diese Eingangsportale – das ist für mich fast wie der Triumphbogen in Paris, wo ich weiß: Ich bin zu Hause. Und dann geht es weiter, dann kommen der Rosengarten, die Kunsthalle, der Bahnhof, das Neckarufer Nord und die Feuerwache und weiter Richtung Herzogenried die Multihalle – nach wie vor, schon immer – der Diamant. Der Rohdiamant, der mich immer fasziniert hat.

TD       Der Wasserturm und die Multihalle sind ja Gartenschau-Ergebnisse. Die Gartenschauen haben für diese Stadt viel bedeutet. Mannheim hat immer noch diese zwei Parks, für die die Mannheimer Eintritt zahlen. Sie haben dafür eine große Bereitschaft, auch weil mit ihnen der Imagewechsel verbunden ist: „die Industriestadt wird zu einer grünen Stadt“. Und nicht umsonst ist es so, dass meine Städtebaukollegen jetzt auch das Leitbild über einen Grünzug entwickeln. Das hat sicherlich auch mit dem Klimawandel zu tun, aber das Grün ist weit darüber hinaus immer wieder ein Mannheimer Thema.

HH      Für mich war das Grün immer wichtig. Auf dem Weg zur Schule am Rhein entlang mit meiner Kamera bin ich öfters mal nicht dort angekommen. Für das große Ganze sollte das dann kein Schaden sein, weil ich damit meine ersten erfolgreichen Bilder gemacht habe. Die Multihalle habe ich auf der Bundesgartenschau entdeckt. Als ich das erste Buch gemacht habe, war alles noch frisch – die Struktur, dieses organische Teil, dieses Tier – atemberaubend. Begehbare Architektur, erlebbare Architektur. Nicht wie ein Haus – du gehst zum Fahrstuhl, drückst auf einen Knopf, dann fährst du irgendwo hin –, sondern du läufst dadurch und bist in einem lebendigen Raum. Und man spürt und riecht das Holz. Die Multihalle war immer präsent für mich. Es gibt Fotos, die gehen zurück bis zur Entstehungszeit, immer wieder neu interpretiert.

SB       Die 1970er, in der die Multihalle entstand, waren eine Zeit, in der man noch an die Zukunft geglaubt hat. Heute wird das alles technisiert, aber das ist ja keine Zukunft, das sind nur Medien, wie die Fotografie ja auch ein Medium ist, um etwas zu sehen. Wie sehen Sie die Zukunft der Städte?

HH      Städte sind ein wichtiger Lebensraum. Es gibt ja unterschiedliche Menschentypen, manche zieht es aufs Land, die brauchen ihren Wald und ihren Spaziergang. Ich bin eher ein urbaner Mensch, ich brauche den „Urban Jungle“. Dabei muss man sich die sinnliche Wahrnehmung erhalten. Die Frage ist, wie bereit wir noch sind, aufzunehmen. Manche sehen ja gar nichts mehr. Eine Stadt bietet alle Reize – aber man muss auch damit umgehen, und man muss abschalten können. Das ist, auch wenn du 20 Jahre dort lebst, gar nicht so einfach, du saugst auch unbewusst den ganzen Tag alles auf. Deswegen braucht die Stadt offene Räume, und gerade New York und Mannheim für eine internationale Gesellschaft.

TD       Mannheim ist ja ein Melting Pot, hat eine sehr heterogene Bevölkerungsstruktur. Es gibt nicht 50 % gesettelte Bürger – nein, alle sind unterschiedlich. Das kommt auch durch die Arbeiterstadt-Historie.

SB       Die Internationalität merkte man auch in der sogenannten Flüchtlingskrise, als hier mehr Leute aufgenommen wurden, als es die Quote verlangte, mit einer Selbstverständlichkeit, die mich sehr beeindruckt hat.

HH      Ja, mich auch. Aber ich wusste, dass es gut geht in Mannheim. Wenn es irgendwo klappt, dann hier. Das hat auch Vorbildcharakter. Als ich weg war, und immer wieder zurückgekommen bin, habe ich gemerkt, wie sich Mannheim zum Positiven entwickelt hat. Mannheim ist mittlerweile für mich noch mehr Subkultur als Frankfurt, wo ich auch schon ein paar Jahre bin, oder Hamburg. Selbst mit Berlin kann Mannheim mithalten.

TD       Diese Offenheit ist jetzt auch eine Chance bei der Bewältigung der internationalen Themen, von all dem, was in der Welt aktuell in Frage gestellt und entwickelt wird. Weil die Voraussetzungen hier gut geübt und lange da sind. Jetzt fällt plötzlich das, was da draußen in der Welt diskutiert wird, in Mannheim auf einen fruchtbaren Boden. Und die Multihalle wird zu einem Ort, an dem gesellschaftliche Themen verhandelt werden.

TD      Wir haben jetzt so viele Leute dort hineinbegleitet, Die ersten Begegnungen sind alle Kathedralen-Moment, obwohl die Halle in so einem schlechten Zustand ist und man sofort kalte Füße bekommt. Die Studenten, mit denen man da rein geht, sagen: Oh, hier ist er jetzt, der Frei Otto!“
Wie transportieren wir das in die Zukunft, was kann das bedeuten? Die „Rettung“ der Ikonen hat weit über die Gebäude und dessen Denkmalwert hinaus eine große Bedeutung für die Stadtgesellschaft, das Bildungsthema und das kulturelle Thema. Das ist der Hintergrund, vor dem wir verhandeln. Und dabei ist für uns nicht nur die Architektur von Belang, sondern eben immer die Bedeutung, mit der die Ikonen eigentlich aufgeladen ist. Es ist natürlich eine große Aufgabe, vor der wir hier stehen. Jetzt muss man das Richtige daraus machen und auch den Mut dazu haben.

HH      Ja, aber es braucht auch Geister dafür, es braucht Visionäre und die Leute, die die Visionäre unterstützen und sagen: Auch wenn ich es nicht kann – entweder gebe ich Geld oder Zeit oder Ideen, aber ich bin dabei. Ich glaube, es muss jedem Bürger klar werden: Hier gibt es ein Juwel in Mannheim, das erhaltenswert ist, und das genauso viel Bedeutung hat wie der Eiffelturm oder die Brooklyn Bridge. Egal, ob es manchem gefällt oder nicht. Da ist einfach diese Bedeutung im Gesamtkontext von Architektur und urbaner Platzierung – das ist Gesetz.
Der Spirit kommt sofort rüber. Man muss einen Blick in die Zukunft wagen. Was macht man mit diesen Räumen? Sie müssen ja einen neuen Inhalt bekommen, eine neue Aufgabe. Und wenn das statisch und technisch machbar ist, dann gibt es da, finde ich, tolle Möglichkeiten.

SB       Ich glaube sogar, dass der neue Inhalt etwas sein muss, das es so noch nicht gibt. Weil die Multihalle ja das Weiterdenken symbolisiert.

HH      Genau, sie ruft nach Zukunft, nach Vision. Sie ist ja offen, und nach jedem Schritt, den du machst, hast du neue Perspektiven, bist neu geschützt, hast einen neuen Himmel. Also da kann man sicher viel machen. Wenn die Halle im Central Park stehen würde, wäre die wahrscheinlich das Highlight. Da würden alle hinpilgern.

TD       Es gibt ja diese Theorie von Colin Rowe, je dichter die Masse der Stadt ist, desto relevanter oder desto mehr positiven Druck gibt sie auf die zur Verfügung stehende Freifläche. Bei einer Stadt mit der Dichte von New York ist der Central Park als zentraler öffentlicher Raum eigentlich das Bild dafür. Aber das bedeutet natürlich auch, dass es da eine extreme Frequentation gibt.

HH      Das haben wir in Herzogenried eher weniger, aber durch diese Entwicklung von Turley, Franklin, Spinelli, diesen ganzen Shift, gibt es neue Impulse, neue Beziehungen. Da kann man auch in Sachen Stadtentwicklung einiges machen. Das ist eine Frage der öffentlichen Anbindung. Das sind ja keine Distanzen. Darin liegt auch eine neue Chance, und es ist eine Aufgabe, zu vermitteln, dass alles nicht optisch oder gedanklich weit weg, sondern in direkter Nähe ist.

SB       Das ist der nächste Schritt. Es gibt sehr viele Bilder, wie das Dornröschen schläft. Und alle sagen: Oh, was und wo ist denn das? Das war der Start der Erzählung. Jetzt müssen wir sagen: Guck mal, die ist eigentlich genau neben dir. Und für die Auswärtigen auch: Sie ist direkt in der Stadt, und zwar in einem sehr interessanten Teil der Stadt. Ich glaube, diese Verschiebung und das Einsortieren, also die Einordnung in der Stadt ist ein wichtiges Thema. Und dann wird auch klarer, dass man die Multihalle benutzen kann.

HH      Ja, genau. Was ich mir gut vorstellen kann, ist als Nächstes eine optische Bespielung: mit Tänzern, mit Lichtspielen, mit Projektionen, mit Fotoworkshops – da ist ja auch schon einiges passiert. Die kannst du mit wenigen Mitteln realisieren – mit Verläufen, von außen, von innen, weil es ja transparent ist. Und das Organische wird über das Licht noch mehr rausgestellt.

TD       Licht ist hier auf jeden Fall ein Thema, an dem wir arbeiten, generell diese experimentelle Aura des Raums. Wir haben noch ein Problem mit der Akustik. Doch inzwischen laufen hier immer mehr Leute ein, die sagen: Euer Problem ist unsere Chance – wir wollen mit dieser Akustik arbeiten.

HH      Das wird jetzt gebraucht – dieses Selbstbewusstsein, mehr aus dem, was da ist, zu entwickeln. Und der Stolz, solche Ikonen in der Stadt zu haben. Der Name der Multihalle ist Konzept, und von diesem Auftrag sollten wir uns leiten lassen: think multikulturell – think Multihalle.

Horst Hamann, 1958 geboren in Mannheim, ist Autodidakt und fotografiert seit seinem elften Lebensjahr. Die Hälfte seines Lebens hat er in New York und im Bundesstaat Maine verbracht. Er wird immer wieder als „Erfinder” der vertikalen Fotografie bezeichnet. Die New York Times nennt ihn ein „Genie der Komposition“. Das Museum of the City of New York ehrt ihn als ersten deutschen Fotografen mit einer sechsmonatigen Einzelausstellung. Hamann ist Autor von mehr als 34 Büchern. Sein Bildband „New York Vertical“ wurde in kurzer Zeit zum modernen Klassiker und mit mehr als 300.000 verkauften Exemplaren zum weltweiten Bestseller.